Das Jahr 2024 begann für viele mit großen Hoffnungen. Für kleinere Produzenten von Wein und Bier sieht die Zukunft jedoch düster aus. Grund dafür ist eine kürzliche Änderung im Sicherungsgesetz, das von der türkischen Regierung nur wenige Wochen vor Jahresbeginn verabschiedet wurde. Laut einem Bericht der Anadolu-Agentur sieht das Gesetz Nr. 4733 zur Regulierung des Marktes für Tabak, Tabakwaren und Alkohol vor, dass von Produzenten eine Kaution verlangt wird, die je nach Produktionskapazität zwischen fünf und fünfzig Millionen Türkische Lira liegen kann.
Für die vielen kleinen Weinhersteller in der Türkei könnte dies existenzbedrohend sein, da sie dieselbe Kaution aufbringen müssen wie weitaus größere Produzenten. Da über die Hälfte der Weingüter in der Türkei als „boutique“ gilt, könnte das neue Gesetz dazu führen, dass ein erheblicher Teil der Weinauswahl verschwindet. Auch der Biermarkt bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont, und diese Regulierungen sowie die seit Jahren ansteigenden Sonderverbrauchssteuern (ÖTV) verringern die Verfügbarkeit von Alkohol zunehmend.

Die Geschichte der Alkoholverbote in der Türkei und im Osmanischen Reich
Alkoholkonsum ist in der Türkei, einem überwiegend muslimischen Land, traditionell kein gesellschaftlich akzeptierter Brauch. Dies gilt insbesondere für den Zeitraum ab dem 16. Jahrhundert, als im Osmanischen Reich der Islam an Bedeutung gewann und die Scharia, das islamische Recht, Alkoholkonsum untersagte.
Im Osmanischen Reich sind die ersten dokumentierten Alkoholverbote unter der Herrschaft von Sultan Süleyman dem Prächtigen zu verzeichnen. Diese Regelungen wurden zunehmend strenger, nachdem das Osmanische Reich Mekka und Medina eroberte und die Kalifenschaft übernahm. Mit dem wachsenden religiösen Einfluss und der Verantwortung für die islamische Welt wurde Alkohol zunehmend verboten. Besonders unter den Sultanen Mehmed III., Ahmed I., Murad IV. und Mehmed IV. wurden Alkoholverbote streng umgesetzt, und es gab sogar großangelegte Razzien in Kneipen und Tavernen.
Laut Historiker François Georgeon war der Konsum von Wein und anderen alkoholischen Getränken jedoch nicht auf die nicht-muslimische Bevölkerung beschränkt. Obwohl Muslime offiziell keinen Alkohol trinken durften, gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass Alkohol auch heimlich von Muslimen konsumiert wurde. Aus den Berichten geht hervor, dass Kneipen nicht nur Orte des Alkoholkonsums, sondern auch Treffpunkte für verschiedene soziale Gruppen waren.
Das Osmanische Reich und der Einfluss der Tanzimat-Ära
Mit der Tanzimat-Ära (1839-1876), einer Zeit der Reformen und Modernisierung, wandelte sich die offizielle Haltung gegenüber Alkohol. In den neuen Gesetzen dieser Zeit wurden die Rechte von Muslimen und Nicht-Muslimen formalisiert, und das Verbot für Muslime, Alkohol zu konsumieren, verschwand aus dem Gesetzestext. Die Tanzimat-Reformen verfolgten das Ziel, das Osmanische Reich an westliche Standards anzupassen und die Bevölkerung zu vereinen, was dazu führte, dass das Alkoholverbot abgemildert wurde.
Es kam sogar zu einer intensiven Alkoholproduktion und einem Anstieg des Weinaustauschs, insbesondere mit Frankreich, das aufgrund der Reblauskrise in den 1870er Jahren gezwungen war, Wein aus dem Osmanischen Reich zu importieren. Dieser wachsende Handel verdeutlicht, dass Alkohol in der Gesellschaft akzeptierter wurde.
Republik und Moderne: Alkohol als Symbol westlicher Modernität
Nach der Gründung der Türkischen Republik setzte sich der Gedanke der Modernisierung fort, jedoch mit einem ambivalenten Verhältnis zum Alkohol. Während in den 1920er Jahren in der westlichen Welt Bewegungen gegen den Alkoholkonsum aus gesundheitlichen und sozialen Gründen entstanden, unterstützten auch viele Republikaner diese Ansichten. Alkohol wurde zunehmend als gesundheitsschädlich betrachtet, und es kam zu weiteren Restriktionen, diesmal allerdings weniger aus religiösen Gründen als vielmehr mit dem Ziel, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.
Mit dem neuen Gesetz von 2024 rückt die Türkei jedoch von einem gesundheitlich motivierten Ansatz wieder hin zu strengen wirtschaftlichen Regulierungen und finanziellen Barrieren, die den Alkoholkonsum indirekt beeinflussen.
Fazit: Verstecktes Verbot oder strenge Regulierung?
In der langen Geschichte des Alkoholkonsums und der -verbote in der Türkei zeigen sich viele Schwankungen, die von pragmatischen und sozialen Überlegungen geleitet waren. Während früher die Kontrolle über die sozialen Interaktionen im Mittelpunkt stand, ist es heute die finanzielle Sicherung der Produzenten, die indirekt den Alkoholkonsum einschränken könnte. Die Geschichte der Alkoholpolitik in der Türkei spiegelt daher auch den Wandel wider, wie Religion und Staat Macht über den Konsum ausüben und die Gesellschaft zu steuern suchen.
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